Vila Nova de Milfontes: Wanderwege und Müsli

Im Frühling ist Vila Nova de Milfontes ein verschlafenes Dorf, im Sommer ein Mekka für portugiesische Strandtouristen. Angezogen von Wanderwegen und unberührter Natur kommen auch immer internationale mehr Reisende.

Portugals Atlantikküste ist steil und zerklüftet. An windigen Tagen schmeißt sich der Ozean dagegen, als wolle er das Festland ein paar Meter weiter nach Osten verschieben. Irgendwo an dieser wilden Küste, etwa zweieinhalb Busstunden südlich von Lissabon, liegt Vila Nova de Milfontes.

Als wir aus dem Bus aussteigen, ist es fast gespenstisch still in diesem kleinen Ort, der nur um die 5.000 Einwohner_innen zählt. Die Straßen sind leer bis auf ein paar vereinzelte Wandertourist_innen in professioneller Outdoorkleidung. Wir laufen zehn Minuten durch enge Gassen, vorbei an den typisch portugiesischen, blau- oder gelb-weiß gestrichenen Häusern mit rotem Ziegeldach. Der Himmel ist wolkenverhangen. Schließlich finden wir die Straße, in der sich unsere Unterkunft befinden soll, und eine lächelnde Portugiesin mit kurzen grauen Haaren um die sechzig öffnet uns die Tür. Sie ist gerade noch dabei, unser Zimmer zu putzen. In einer Stunde dürfen wir rein.

Haus in Vila Nova de Milfontes
Nicht alle Häuser in Vila Nova de Milfontes sind Neubauten.

Umkämpftes Terrain

Portugals Atlantikküste war im Mittelalter ein heftig umkämpftes Gebiet. Ab 722 versuchten Portugal und Spanien, ihren christlichen Herrschaftsbereich auszuweiten und die Mauren zu vertreiben. Nach der Reconquista (Rückeroberung) weiter Teile südlich von Lissabon wollte der portugiesische König D. João II seine Macht festigen und wichtige Handelsrouten schützen. Er gründete deshalb 1486 ein Dorf an einer strategisch günstigen Stelle, nämlich dort, wo der Fluss Mira in den Atlantik mündet: Vila Nova de Milfontes, wörtlich übersetzt das „neue Dorf der Tausend Quellen“. Im 16. Jahrhundert kam noch eine Festung dazu, die Forte de São Clemente, denn als wichtiger Umschlagplatz für Waren war Vila Nova de Milfontes Angriffen von Piraten aus Nordafrika ausgesetzt.

Davon, dass Vila Nova de Milfontes einst Ziel von Attacken war, merkt man heute nichts mehr. Das Dorf liegt so friedlich und ruhig da, als sei hier nie etwas passiert. An sonnigen Nachmittagen sitzen die Bewohner_innen auf dem kleinen Platz neben der Festung, trinken Kaffee und blicken versonnen auf die Flussmündung. Über den Fluss werden schon lange keine Waren mehr befördert. Aber eine kleine Fähre transportiert neugierige Tourist_innen auf die gegenüberliegende Seite.

Fluss Rio Mira in Vila Nova de Milfontes
Blick über den Fluss Mira. Auf der anderen Seite liegt der Praia das Furnas, den man sich im April nur mit portugiesischen Anglern teilt.

Vila Nova de Milfontes wächst

Als wir auf den schwimmenden Steg zusteuern, kommt Maria, die Kapitänin, schon lächelnd auf uns zu. Neben ihr her springt aufgeregt ihr kleiner, struppiger Hund Vigia. Auf der Informationstafel am Steg sind keine festen Zeiten angegeben. Maria setzt einfach über, wenn jemand auf die andere Seite möchte. Das Geschäft, erzählt sie, habe sie von ihrem Vater übernommen. Bis 1975 die Brücke über den Fluss gebaut wurde, war das Boot die einzige Möglichkeit, auf die andere Seite zu gelangen. Heute transportiert sie meistens Tourist_innen, und da immer mehr von ihnen kommen, arbeitet sie inzwischen das ganze Jahr über auf dem Boot, nicht nur in den Sommermonaten. Gemeinsam mit ihrem Partner António bietet sie ab vier Personen auch Bootstouren an. Wir fahren mit.

Maria hat ihr kurzes blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, sie trägt praktische, wetterfeste Kleidung und lacht viel. Wenn sie Passagier_innen mitnimmt, erzählt sie gern von ihrem Dorf und sorgt ganz selbstverständlich für gute Stimmung an Bord.

Der Tourismus, sagt sie, habe Vila Nova de Milfontes schon verändert. Natürlich sei das auch positiv für die Leute. Aber es werde jetzt sehr viel gebaut. Früher habe das Dorf im Prinzip nur aus einer Straße mit Häusern an den Seiten bestanden. „Mehr sollte es nicht werden. Ich möchte ja nicht in einer Stadt leben“, sagt Maria.

Je weiter wir uns flussaufwärts von Vila Nova de Milfontes entfernen, desto stiller wird es. Die mit Gestrüpp bewachsenen Hänge sind bis auf einige Angler leer und kaum bebaut. Als António auf der Rückfahrt das Steuer übernimmt, macht Maria es sich mit Vigia im hinteren Teil des Boots bequem. “Jetzt bin ich selbst Touristin”, sagt sie und lacht.

Später, als wir Richtung Strand laufen, verstehen wir besser, was Maria meint. Je näher wir dem Wasser kommen, desto mehr Hotels und Ferienwohnungen sehen wir. Ganze Häuserblocks mit identisch aussehenden Apartments scheinen gerade erst gebaut worden zu sein, sie stehen seltsam abseits vom Dorf, als gehörten sie nicht dazu. Andere Landstücke sind sorgfältig abgesteckt und warten noch auf den Beginn der Bauarbeiten.

 

Strand von Mila Nova de Milfontes
Zum Praia do Patacho, einem von drei Stränden in unmittelbarer Nähe von Vila Nova de Milfontes, läuft man zu Fuß nur zehn Minuten.

Paradies für Individualreisende

Nicht nur Bauprojekte weisen darauf hin, dass sich Vila Nova de Milfontes wie andere portugiesische Dörfer auf Tourist_innen eingestellt hat. Wer im Supermarkt einkauft, stößt auf eine überraschend vielfältige Auswahl an Lebensmitteln, die sich vor allem an eine Generation junger, gesundheits- und trendbewusster Reisender richtet: Es gibt Quinoa-Mehl und Vollkornnudeln, Mandelmilch, verschiedene Sorten Tofu und Chia Samen. Auch das Café “18 e Piques” hat die Marktlücke entdeckt und serviert vegetarische, vegane und glutenfreie Snacks und Frühstücksoptionen wie hausgemachtes Müsli, Bruschetta und gesunde Salate.

Der Tourismus habe vor allem in den letzten Jahren nochmal zugelegt, erzählt  unsere Vermieterin. Sie wohnt direkt neben uns und bringt uns jeden Morgen das Frühstück auf die Terrasse (die portugiesische Variante: Brötchen, Käse, Schinken, Milch, Yoghurt und Orangensaft). Den Grund dafür sieht sie im Wandertourismus, der von der Region gezielt vermarktet wird. Vila Nova de Milfontes liegt auf dem Trilho dos Pescadores, der Teil der Rota Vicentina, einem 450 Kilometer langen Netzwerk von Wanderwegen im Südwesten Portugals ist. Der wild-romantische „Fischerpfad“ führt 75 Kilometer direkt an der Atlantikküste entlang von Porto Covo bis nach Odeceixe, vorbei an dramatischen Steilküsten, Fischerdörfern und menschenleeren Sandstränden. Noch ist dieser Streifen Erde touristisch wenig erschlossen, und gerade deshalb ist er ein Paradies für Naturliebhaber und Individualreisende – was ihm zum Verhängnis werden könnte.

Unsere Vermieterin ist weniger skeptisch. Sie glaubt, dass der Tourismus viel Gutes bringt. Denn die Jugend, so erzählt sie, macht sich sofort nach der Schule auf nach Lissabon oder Faro.

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