Geflüchtete werden in Deutschland als erstes in Integrationskurse gesteckt. Sie sollen möglichst schnell Deutsch lernen. Doch die Vollzeit-Crashkurse sind für die meisten Lerner ungeeignet und die Erwartungen unrealistisch.

Im meinem ersten Integrationskurs saß ein Mann aus Anatolien. Hüsnü war etwa 40 Jahre alt, höflich, zurückhaltend und auffallend mager. Er kam jeden Tag pünktlich zum Unterricht und saß schweigend, mit vor Konzentration weit aufgerissenen dunklen Augen, in der ersten Reihe. Trotzdem lernte er in meinem Kurs nie mehr als die ersten auswendig gelernten Sätze, um sich vorzustellen: „Guten Tag, ich heiße Hüsnü und komme aus der Türkei.“

Hüsnü ist nur wenige Jahre zur Schule gegangen und hat in Anatolien als Busfahrer gearbeitet. In Hüsnüs Augen sah ich regelmäßig die blanke Verzweiflung, und später Scham, wenn ich ein neues Grammatikthema einführte. Neben ihm saß Andrej aus Russland und gab sich alle Mühe, Hüsnü die Dativkonstruktionen an der Tafel zu erklären, wobei er ihn meistens anschrie, weil er selbst schwerhörig war. Hüsnü zuckte jedes Mal zusammen.

Eine Sprache zu lernen braucht Zeit

Hüsnü ist keine Ausnahme, wie ihm geht es vielen Neuankömmlingen in Deutschland. Menschen mit wenig Schulbildung und Lernerfahrung sind plötzlich gezwungen, vier Stunden pro Tag die Schulbank zu drücken und in kürzester Zeit eine hochkomplizierte Fremdsprache zu erlernen. Eine Sprache, mit der man nicht einmal fehlerfrei einen Kaffee bestellen kann, ohne das richtige Genus und den Akkusativ zu kennen.

Der Bundesrechnungshof hat nun festgestellt, dass bei der Ausführung und Abrechnung von Deutschkursen für Geflüchtete bisher einiges schief lief. Der Bericht bezieht sich auf sogenannte Einstiegskurse, die die Arbeitsagentur Ende 2015 veranlasst und mit bis zu 400 Millionen Euro finanziert hat. Ein Großteil dieser Mittel sei „de facto ins Leere“ gelaufen. Als Gründe für das Scheitern nennt der Bericht fehlende Kontrollen und Kriterien zur Qualitätssicherung: Die Kursanbieter mussten keine Anwesenheitslisten führen, Lernmaterial und Kursausstattung waren oft mangelhaft, die Teilnehmer blieben deshalb den Kursen fern.

Für diese Kritik – und eine öffentliche Debatte über die Qualität und Effektivität der Deutschkurse – war es höchste Zeit. Als ehemalige Integrationskursleiterin weiß ich, dass die Probleme noch viel tiefgreifender sind. Ich habe Alphabetisierungs – und Integrationskurse in gut ausgestatteten Klassenzimmern gegeben und hatte Zugang zu Lehrbüchern, Zusatzmaterialien und Kopiermöglichkeiten. Anwesenheitslisten gab es bei uns. Trotzdem musste ich machtlos mitansehen, wie viele meiner Schülerinnen und Schüler im Laufe des Kurses aufgaben und nicht mehr erschienen. Der Grund: Das Konzept der Deutschkurse ist für viele Lerner völlig ungeeignet.

Wir brauchen ein duales System

Wenn wir wollen, dass Neuankömmlinge in Deutschland so gut Deutsch lernen, wie es ihre Schulbildung, ihre Lernerfahrung und ihre individuellen Fähigkeiten erlauben, müssen wir besser differenzieren. Lerner wie Hüsnü brauchen kleine Lerngruppen und die Möglichkeit, ein vereinfachtes Deutsch zu lernen, damit sie das tun können, was eine Sprache im Allgemeinen ermöglicht: kommunizieren. Lerner wie Hüsnü möchten nichts lieber als endlich arbeiten. Wir brauchen deshalb ein duales Modell, das Nicht-Akademikern erlaubt, an zwei Tagen in der Woche zu jobben und Deutsch in einem praktischen Kontext zu lernen. Ein Mentorensystem mit bilingualen Mitarbeitern kann den Einstieg in den Arbeitskontext und die Kommunikation am Arbeitsplatz unterstützen. Auf diese Weise würden Menschen wie Hüsnü schneller und praxisorientierter lernen und ihre Zeit außerdem sinnvoller verbringen.

Die meisten der angebotenen Integrationskurse und Deutschkurse für Geflüchtete sind weit davon entfernt, solche an die Lerner angepassten Bedingungen zu bieten. Die Klassen sind zu groß, das Lerntempo zu schnell, die Vorbedingungen der Lerner zu unterschiedlich und die Erwartungen utopisch. Selbst motivierte und qualifizierte Lehrkräfte verzweifeln in solchen Kursen früher oder später selbst.

Nach neun Monaten Lerntortur fiel Hüsnü wie so viele andere durch den B1-Test. Integrationskurse, wie sie momentan durchgeführt werden, sind tatsächlich häufig eine Verschwendung von Ressourcen und Zeit – auch für die Teilnehmer selbst. Aber was noch schlimmer ist: Vielen Lernern rauben die Kurse auch ihren Mut und ihren Glauben daran, es in Deutschland zu etwas zu bringen.

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Foto: Brandenburger Tor, Berlin / Jonathan Date