In ein fremdes Land auszuwandern, ohne die Landessprache zu sprechen, ist ein Abenteuer. Das Gefühl der Verunsicherung, wenn Sprache versagt, hatte ich in meinen letzten Jahren in Berlin vergessen.

Der Kellner lächelt mich freundlich, aber verständnislos an.
Ich wiederhole: „A-S-Ä-I-T-O-O-N-A-S.“
„Como?“ Jetzt reißt er die Augen in echter Verwirrung auf.
Ich versuche es zum dritten Mal, und denke diesmal daran, dass ‘s’ wie ‘sch’ auszusprechen: „A-S-Ä-I-T-O-O-N-A-S-C-H.“

Ratloses Kopfschütteln. Ich seufze, und gebe auf. „Olives, please.“
„Olives!“, lacht der Kellner erleichtert auf. „A moment please.“

Ich befinde mich in Lissabon, der weißen, lichtdurchfluteten Stadt am Tejo, und habe ein Jahr lang fleißig allein zu Hause und mit einer guten Freundin aus Brasilien Portugiesisch gebüffelt.

Ständige Missverständnisse

Bisher hilft mir das herzlich wenig. Wenn ich im Café eine caldo verde (portugiesische Kohlsuppe) bestelle, bekomme ich ein Käse-Sandwich. Der Apotheker hält mir mit skeptischem Blick ein Mittel gegen Haarausfall hin, während ich versuche, ihm begreiflich zu machen, dass ich nur ganz normales Shampoo brauche. Und wenn ich mich nach dem Weg erkundige, wechseln die meisten Portugiesen mit mitleidigem Blick sofort ins Englische. Frustrierende Erlebnisse.

Gestern in einer Bar war es dann mal wieder so weit. Ich wollte zum imperial (Glas Bier vom Fass) tremoços bestellen, den typisch portugiesischen Snack zum Aperitiv bestehend aus eingelegten Lupinen-Kernen. Der Kellner hinter der Theke nickte sofort wissend, und ich lächelte schon triumphierend, als ich zu unserem Tisch zurückging. Ein paar Minuten später stellte er zwei Bier und ein herzhaft-gefülltes Gebäckstück auf unseren Tisch. Mein Begleiter lachte sich halbtot.

Später am Abend, mit einem Glas Wein in der Hand und einem atemberaubenden Blick über zahllose rote Dächer und den Tejo, denke ich darüber nach, warum mir diese Sprachschwierigkeiten so viel ausmachen – etwas, das ich vergessen hatte in den letzten Jahren in Berlin, meiner Geburtsstadt – nämlich, dass Sprache zentral ist, um sich sicher zu fühlen.

Eine fremde Sprache zu sprechen erfordert Mut

Unser gesellschaftliches Zusammenleben basiert auf mündlicher Kommunikation. Wer nicht an Unterhaltungen teilnehmen und die Menschen auf der Straße verstehen kann, wird als fremd wahrgenommen, gehört nicht dazu und wird ignoriert. Die tiefe Verunsicherung, die eine fremde Umgebung erzeugt, wenn man sich nicht verständigen kann, wenn einem im wahrsten Sinne des Wortes die Worte fehlen, kann nur verstehen, wer sich tatsächlich einmal in die Fremde gewagt hat, ohne die Landessprache zu sprechen – und das nicht nur als Tourist.

Eine neue Sprache zu lernen erfordert Mut. Und noch mehr Mut erfordert es, diese Sprache auch im Gespräch mit Muttersprachlern auszuprobieren. Deswegen verdienen Lerner, allen voran Geflüchtete, die in Integrationskursen jeden Tag aufs Neue mit den vielen Ausnahmen und Ungereimtheiten einer neuen Sprache kämpfen, in erster Linie Respekt, und sehr viel Geduld. Denn sie hatten – im Gegensatz zu Menschen, die freiwillig Grenzen überqueren- keine Wahl und keine Möglichkeit, sich auf ein fremdes Land und eine fremde Sprache vorzubereiten.

Foto: Haus hinter einem Zaun, Lissabon / Jonathan Date