Lissabon ist dabei, Berlin den Rang als hippste Stadt Europas abzulaufen: Weltenbummler, Touristen und Studenten strömen in Portugals Hauptstadt. Gleichzeitig sind Tausende Portugiesen gezwungen, auf der Suche nach Jobs auszuwandern.

Heftige Regenfälle brechen plötzlich aus Wolken hervor, überfluten Straßen und Plätze, und stürzen enge Gassen wie kleine Gebirgsbäche hinunter. In Lissabon ist es regnerisch geworden. Nach einem gefühlt zu warmen Dezember und einem kühlen, aber sonnigen Januar zeigt sich die portugiesische Hauptstadt im Februar von ihrer grauen Seite.

Ich lebe jetzt seit fünf Monaten hier, und Lissabon ist nicht mehr nur die weiße, sonnige, hippe Stadt am Tejo, die Touristen, Weltenbummler, Sprachlehrer und Erasmus-Studenten magnetisch anzieht. Lissabon ist auch einfach eine graue Stadt im Regen, deren Bewohner sich über die Kälte, die Nässe und die schlecht beheizten Wohnräume beschweren. Eine Stadt, in der ehemals prachtvolle Bauten dem Verfall preisgegeben sind und langsam inmitten der neu renovierten Restaurants, Bars und Hotels verwittern. Eine Stadt, in der Küchenhilfen drei Euro pro Stunde verdienen, Obdachlose auf Parkbänken schlafen und Tausende ins Ausland gehen, weil sie in Portugal keine Zukunft sehen.

Urlaubsparadies und Krisenland

Portugal, das Urlaubsland. Und Portugal, das Krisenland. Portugal mit seinen langen, weißen Stränden an der Algarve, mit Surfparadiesen, Luxushotels und einer Hauptstadt, die momentan so angesagt ist wie Berlin. Und Portugal, das Land der Auswanderer, in dem Häuser verfallen und Löhne so niedrig sind, dass man nicht davon leben kann.

Wer Portugal besser verstehen möchte, muss mit Einheimischen sprechen. Eine echte Insider-Perspektive abseits der Mainstream-Erzählung über das korrupte Portugal, das Deutschlands Sparmaßnahmen nicht einhalten kann, sind die in der taz erschienenen Kolumnen des portugiesisch-deutschen Journalisten Miguel Szymanski.

Kaffee mit einem Einheimischen

Miguel verbrachte einen Großteil seines Lebens in Portugal. Nach zwei Jahren in Deutschland zog es ihn und seine Familie wieder zurück. Heute lebt er in einem Haus an der Atlantikküste, 600 Meter vom Strand entfernt. In seiner letzten Kolumne für die taz lud Miguel seine Leserinnen und Leser auf ein Glas Wein in Lissabon ein. Marcel, ein Erasmus-Student, der ebenfalls seit September in Lissabon lebt, und ich meldeten uns auf die Einladung und durften Miguel treffen.

Ich bin wie immer zehn Minuten zu früh am Treffpunkt, dem neuen Café des Gulbenkian-Museums. Miguel kommt ein paar Minuten zu spät, er konnte keinen Parkplatz finden, ein notorisches Problem in Lissabon, wie er uns erklärt. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und Miguel wird von uns mit Fragen überhäuft. Während ich mir an meinem grünen Tee die Zunge verbrenne und Marcel einen Galão schlürft, erfahren wir, dass in Lissabon so viele verfallene Häuser sich selbst überlassen werden, weil eine strenge Mietpreisbremse die Mieteinnahmen lange Zeit künstlich klein gehalten hat, und dass Portugiesen ihren Mitmenschen zwar besonders freundlich und herzlich begegnen, es aber mehr als schwierig ist, zum Abendessen nach Hause eingeladen zu werden.

Am Ende bietet Miguel an, mich zu Hause abzusetzen, es liegt auf dem Weg. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, als wir durch nasse Straßen kurven. Einmal machen wir einen gewagten U-Turn, die anderen Autofahrer warten geduldig, keiner hupt. Wir halten kurz bei einer Polsterwerkstatt und tragen einen in Plastik verpackten, neu gepolsterten Schaukelstuhl durch den Regen, um ihn im Auto zu verstauen. Wieder ein neues Stück Lissabon, ein Einblick in portugiesischen Alltag in strömendem Regen.

Idealisiertes Deutschland

Als ich die Haustür aufschließe, geht mir vieles durch den Kopf. Vor allem: Wie paradox es ist, dass Lissabon zur Zeit offenbar gleichzeitig Menschen anzieht und Menschen vertreibt.

Meine Schülerinnen und Schüler wünschen sich nichts mehr, als endlich Deutsch zu sprechen, um in Deutschland zu studieren und zu arbeiten. Deutschland wird von vielen idealisiert: so ein sauberes, erfolgreiches Land, so gutes Bier, und die Currywurst erst.

Gleichzeitig strömen Touristen nach Portugal. In Bairro Alto, einem der Ausgehviertel Lissabons, hört man mehr Englisch, Französisch und Deutsch als Portugiesisch. In der Rua do Teixeira stehen nachts so viele Studenten vor der „Erasmus-Corner“, Treffpunkt und Bar zugleich, dass man die Straße kaum noch passieren kann.

Und auch ich bin Teil dieser neu Zugewanderten, angezogen von Erzählungen über ein sonniges, ein freundliches, ein mediterranes Land. Lissabon ist nicht nur sonnig und freundlich. Aber es ist auch im Regen schön.

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Foto: Jardim da Estrela / Lissabon