Milde Temperaturen, strahlende Sonne und vom Rauch der Röstkastanien vernebelte Straßen: Lissabon ist im Dezember nicht wirklich winterlich, aber dafür anders romantisch.

Ich gehe nach der Arbeit die Avenida Duque de Ávila entlang. Die Straße liegt im Stadtteil Avenidas Novas im Norden Lissabons, ein Distrikt, in dem sich verspiegelte Bürogebäude und graue Neubauten zwischen die für Lissabon typischen farbigen Häuser gedrängt haben. Im Dunkeln hat die Straße trotzdem ihren Charme. Sie ist gesäumt von hohen Bäumen und die Berge aus hellgelben Blättern auf dem Boden rascheln beim Gehen unter meinen Füßen.

Es ist Dezember in Lissabon und an den Bäumen hängen noch vereinzelt die Herbstblätter. An der Kreuzung vor mir erleuchtet ein riesiger, rot-weißer Weihnachtsbaum aus Lichterketten die Dunkelheit, und obwohl morgen schon der dritte Advent ist, fühlt es sich an, als hätte die Stadt ihre Weihnachtsdeko zu früh aus den Kellern geholt.

Weihnachten bei 20 Grad und Sonne

Die Lissabonner zelebrieren Weihnachten genauso ausschweifend wie andere europäische Hauptstädte: Auf Plätzen stehen Krippen aus Holz mit Strohdach, bewohnt von lebensgroßen Figuren (Maria, Josef, das Christkind, und, natürlich, der Papst), an den Bäumen in der Avenida da Liberdade funkeln weiße Lichterketten, in den Supermärkten erklingt Weihnachtsmusik in Dauerschleife. In den belebten Straßen im Zentrum hängen dichte, grau-weiße Rauchschwaden in der Luft. Sie kommen von den Castanheiros und Castanheiras, die an Ständen Esskastanien verkaufen. Sie werden in der Asche geröstet bis sie weich sind und schmecken wunderbar warm, leicht salzig und mehlig, ein bisschen wie Kichererbsen.

Aber wenn ich tagsüber bei 20 Grad in der Sonne sitze, und wie immer Touristen an mir vorbeiströmen, vergesse ich, dass bald Weihnachten ist. Meine brasilianische Tandempartnerin erzählte mir vor kurzem, dass sie noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen hat. Lissabon ist leider der falsche Ort, um dieses Erlebnis nachzuholen. Hier regnet es im Winter nur, und das meist in Strömen. Der Regen verwandelt die vielen Hänge und engen, steilen Straßen in Sturzbäche und die Lissabonner rutschen reihenweise auf den glatten, hellen Pflastersteinen aus.

Nicht das idealste Wetter für Glühwein

Ein Dezember ohne Kälte und Schnee also, und auch ohne Lebkuchenhäuser, Adventskränze und Kalender mit Türchen zum Öffnen. Weihnachtsmärkte dagegen lieben die Portugiesen offenbar genauso sehr wie die Deutschen, denn die gibt es auf hier jeder Praça.

Wir stehen abends um sechs bei milden 14 Grad an einem Stand auf dem Rossio und trinken sehr süßen, überteuerten Glühwein. Auch hier erleuchtet ein riesiger Weihnachtsbaum aus Licht die Szenerie, die Säulen des Teatro Nacional sind von oben bis unten in weiße Lichterketten gewickelt und auf den Dächern der Marktstände liegt Kunst-Schnee. Das alles wirkt sehr weihnachtlich, aber der heiße Glühwein lässt uns bei diesen Temperaturen sofort ins Schwitzen geraten (der wurde definitiv für kalte Länder erfunden).

Weihnachtsdorf am Meer

Am dritten Advent scheint in Cascais die Sonne. Die Stadt liegt etwa 35 Kilometer von Lissabon entfernt an der Atlantikküste und ist vor allem bei Touristen beliebt. Der Wetterbericht hat für heute 17 Grad vorausgesagt, in der prallen Sonne ist es ganz bestimmt wärmer. Eine Portugiesin, die am Strand sitzt, erzählt mir, dass sie gestern im Atlantik schwimmen war. „Warm“ sei das Wasser gewesen. Auch in Cascais sind die Straßen mit Weihnachtsbeleuchtung dekoriert, die hier noch weniger passend erscheint, wenn Touristen in T-Shirts und mit Sonnenbrillen vorbeiflanieren.

Als wir im Parque Marechal Carmona spazieren gehen, der direkt am Hafen von Cascais liegt, ertönen plötzlich amerikanische Weihnachtslieder. Vor uns (hinter einer grünen Absperrung) erstreckt sich das „Christmas Village“, ein riesiger Weihnachts-Vergnügungspark für Kinder, für den man natürlich Eintritt zahlen muss. Wir können nur einen kurzen Blick über die Absperrung erhaschen, aber eine Informationstafel gibt Auskunft: Von der Kunsteisbahn bis zum Haus des Weihnachtsmann und einem verschneiten Zauberwald gibt es hier alles, was irgendwie winter- und weihnachtlich ist.

Vor dem Ticket-Schalter haben sich lange Schlangen gebildet, Mütter und Väter mit aufgeregten Kindern. Ein paar Touristen in kurzen Hosen stehen daneben und blicken ungläubig auf das Weihnachtsdorf am Meer.

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Foto: Weihnachtsbaum auf der Avenida Duque de Ávila, Lissabon