Deutschland ist das Land der Träume vieler Auswanderer. Doch die Migration ist häufig ökonomisch erzwungen, und das Heimatland trägt die negativen Konsequenzen.

Wenn ich in meinem Deutschkurs die Frage stelle, warum sich meine Schülerinnen und Schüler zwei Abende die Woche nach der Arbeit mit unregelmäßigen Verben und dem Akkusativ herumschlagen, bekomme ich immer dieselbe Antwort: Sie wollen nach Deutschland.

Studenten, Berufstätige, die Anwältin, der Ingenieur, sie alle sehen in Deutschland den Ort, der ihnen endlich eine Perspektive, berufliche Entwicklungschancen und einen fairen Lohn für ihre Arbeit zu versprechen scheint.

Ein Philosophiestudent, mit dem ich einen Einstufungstest mache, erzählt mir, dass er in Deutschland seinen Master machen wolle. In Berlin, dort sei zwar das Wetter schlecht, aber die Uni gut. Er mag Portugal, vor allem wegen des Klimas. Aber in Lissabon kann er sich das Studium nicht leisten, es würde ihn im Jahr 3000 Euro kosten. Um Philosophie in Deutschland studieren zu können, braucht er mindestens das Niveau B2. Ich kann ihm leider nur B1 bescheinigen, er wird noch ein bisschen weiter büffeln müssen.

Deutsch sprechen als Eintrittskarte

In meinem Abendkurs sitzen zwei junge Studenten aus China. Wenn wir über Deutschland sprechen, beginnen ihre Augen zu leuchten. Beide wollen zum Studium nach Heidelberg, sie haben sich informiert, wo es die beste Uni geben soll. In den Weihnachtsferien sind sie zusammen durch Deutschland gereist, sie waren in Frankfurt, Stuttgart, Heidelberg und Berlin. Die Leute seien so freundlich, erzählen sie, und an die Kälte seien sie aus ihrer Heimat gewöhnt. Nur das deutsche Essen sei nicht so gut.

Wer Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, wird ständig daran erinnert, dass sich ein bestimmter, nicht gerade geringer Anteil der Weltbevölkerung sehnlichst nach Deutschland wünscht. Es gibt hier in Portugal vor allem aus diesem Grund genug Arbeit für mich: Menschen zahlen viel Geld für Sprachkurse und kämpfen sich durch die deutsche Grammatik, weil sie auf eine bessere Zukunft in Deutschland hoffen.

Heimweh und Bürokratie

Hier unterrichte ich diejenigen, die noch träumen. In Berlin saßen mir Menschen gegenüber, die sich ihren Traum schon erfüllt hatten – oder vor Krieg und Verwüstung hatten fliehen müssen und sich für Deutschland als beste Option entschieden.

Jetzt sitzen sie da, im kalten, aber sicheren Deutschland, und haben mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, von denen die deutsche Grammatik noch das geringste ist. Fremdheit, Heimweh, die Bewältigung traumatischer Fluchterlebnisse, eine  umständliche Bürokratie, die ihnen das Leben schwer macht. Viele Schüler zeigten mir jeden Morgen verzweifelt neue Briefe vom Jobcenter, die sie nicht verstanden und die wenig mit ihrer Lebensrealität zu tun haben schienen.

Das ist die eine Seite des Problems, viele Menschen, die alles riskieren, um nach Deutschland zu kommen, werden es dort schwer haben. Sie werden mit Ablehnung und Diskriminierung kämpfen müssen und es wird lange dauern, bis sie die Sprache zumindest so gut beherrschen, dass sie in Deutschland arbeiten können.

Chance und Problem zugleich

Gut ausgebildete Portugiesinnen und Portugiesen haben da bessere Chancen. Sie besitzen die richtige Staatsangehörigkeit und die finanziellen Mittel, um einfach in ein Flugzeug zu steigen und nach Deutschland zu fliegen. Sie können einen Sprachkurs absolvieren und sich bereits im Vorfeld bei deutschen Firmen bewerben.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass etwas völlig falsch läuft, wenn junge Menschen sich gezwungen sehen, zu migrieren, weil sie sich eine Zukunft nur in Deutschland vorstellen können.

Der in Lissabon lebende Autor und Journalist Miguel Szymanski beschreibt in seiner Kolumne “Zu Hause bei Fremden” was passiert, wenn so viele junge Portugiesinnen und Portugiesen das Land verlassen: “Außerhalb der Hauptstadt und touristischen Hochburgen stirbt das Land, öd, verlassen, veraltet, immer weniger Schulen und kaum noch ärztliche Versorgung.”

Wenn es einem Land in Europa so gut geht und so vielen anderen Ländern so schlecht, bleibt für die Jugend als einziger Ausweg die Auswanderung – mit allen negativen Konsequenzen für das Heimatland.

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Foto: Lapa, Lissabon / Jonathan Date