Der Jardim da Estrela ist eine exotische Oase der Ruhe inmitten der Hauptstadt Lissabon – und direkt bei mir um die Ecke. Hier spazieren Pfaue majestätisch über Rasenflächen, während Studenten ihren Galão genießen und alte Männer Karten spielen.

Wenn ich morgens um neun auf dem Weg zur Arbeit durch den Jardim da Estrela gehe, hat der Schuhputzer seinen Stuhl und seine Putzutensilien am Ausgang gegenüber der Basílica da Estrela bereits aufgebaut. Es ist noch zu früh für Kundschaft und er sitzt im Park auf einer Bank, in seine Zeitung vertieft. Die grüne Schiebermütze hat er tief ins Gesicht gezogen, darunter quillt sein weißes, gelocktes Haar hervor.

Nachmittags sieht man ihn oft mit einer Flasche Wein, aber als ich vorbeigehe, blickt er blitzschnell auf und wirft mir einen wachen, wissenden Blick zu. Er verbringt fast jeden Tag im Jardim da Estrela und ich bin überzeugt, dass er genau weiß, wer hier ein und ausgeht.

Wenn er tatsächlich beobachtet, was tagtäglich im Jardim da Estrela vor sich geht, wird er wenig Zeit zum Schuhe putzen haben. Das milde Klima Lissabons sorgt dafür, dass sich ein großer Teil des alltäglichen Lebens im Freien abspielt. Man trifft sich in den Parks und Gärten, auf den Miradouros, den Aussichtspunkten mit Blick auf die Dächer Lissabons und den Tejo, und an den vielen Quiosques, die in fast allen Parks und auf den Miradouros Bier, Galão und portugiesische Snacks wie Pastéis de Nata oder Empadas verkaufen.

Eile ist in Lissabon Sünde

Der Jardim da Estrela ist eine dieser grünen Oasen Lissabons, ein exotischer Garten mit antik anmutenden Skulpturen und dunklen Tümpeln, in denen Enten und Schildkröten paddeln. Riesige Urwaldbäume mit von den Ästen herabhängenden Wurzeln spenden Schatten, in den Baumwipfeln krächzen exotische Papageienvögel und manchmal verirrt sich ein Pfau in den Garten und spaziert majestätisch über die Grünflächen.

Der Jardim da Estrela ist ein verwunschener Park, der Sehnsüchte nach exotischen, wunderbaren Orten weckt. Wer hier auf einer Bank zwischen blühenden Bäumen und Palmen verweilt, gerät ins Träumen. “Es in Lissabon eilig zu haben ist noch immer eine Sünde”, schreibt die portugiesische Schriftstellerin Maria Isabel Barreno. Das ist für mich vor allem spürbar in den Parks und Gärten Lissabons, in denen man stundenlang sitzt.

Jardim da Estrela am Abend

Viele Lisboetas genießen die Abendstimmung im Jardim da Estrela auf einer Parkbank.

Gleichzeitig ist der Garten ein Ort, an dem sich das Leben so lautstark abspielt, dass man nicht weghören kann. Ein Treffpunkt für alteingesessene Lissabonner, unternehmungslustige Touristen, Schüler, Studenten und Alte.

Auf meinem Weg zur Arbeit sind die Stühle vor dem Quiosque im Jardim da Estrela noch leer. Wenig später werden hier Jugendliche in Schuluniform sitzen, die sich vor dem Unterricht treffen, einen Kaffee trinken und heimlich rauchen. Dazu gesellen sich bald Touristen in praktischen Schuhen, die Kamera umgehängt, den Reiseführer in der Hand, und stärken sich für einen Marsch quer durch die Stadt bis nach Alfama.

Treffpunkt für alte Leute, Familien und Erasmus-Studenten

Wenn ich nachmittags im Park bin, sehe ich oft Gruppen alter Männer mit ergrautem Haar, Schiebermütze und Gehstock zusammensitzen. Sie spielen Karten, diskutieren, klopfen sich auf die Schulter und lachen. Alte Menschen gehören in Lissabon zu den Parks wie die violett blühenden Jacaranda. Sie sitzen in Gruppen, zu zweit oder allein auf sonnigen Parkbänken, schweigend oder lesend oder plaudernd. Im Jardim da Estrela sind viele alte Menschen Stammgäste. Wer regelmäßig hierher kommt, kennt bald die Gesichter. Der Obdachlose auf der Parkbank. Der Alte mit dem Gehwagen. Der Schuhputzer.

Ein altes Paar geht im Jardim da Estrela spazieren

Der Jardim da Estrela ist beliebt bei alten Leuten – ob zum Karten spielen, spazieren gehen oder in der Sonne sitzen.

Am Wochenende gehört der Park jungen Familien mit Babys und Kleinkindern, die auf den Rasenflächen picknicken und Kindergeburtstage feiern. Erasmus-Studenten sitzen in großen Gruppen zusammen, trinken Bier und unterhalten sich lautstark auf Englisch. Wenn sich die Lissabonner durch die Neuankömmlinge gestört fühlen, zeigen sie es zumindest nicht. Der Park toleriert ein buntes Durcheinander unterschiedlicher Altersgruppen, Nationalitäten und Gewohnheiten.

Abends um halb zehn komme ich von der Arbeit nach Hause und wandere wieder durch den Jardim da Estrela. Der Park ist jetzt dunkel, verlassen und ruhig. Eine Gruppe Sportler nutzt den leeren Garten für ihre Fitnessübungen unter einer Straßenlaterne. Auf der gegenüberliegenden Seite des Parks leuchten die Fenster der imposanten Basílica da Estrela durch schwarzes Geäst.

Der alte Schuhputzer hat seine Sachen längst gepackt und ist verschwunden. Ich frage mich, ob er ein Dach über dem Kopf hat. Von irgendwoher gellt der Schrei eines Pfaus durch die Nacht.

Fotos: Jardim da Estrela, Lisboa / Jonathan Date