In Integrationskursen sollen Geflüchtete so schnell wie möglich Deutsch lernen. Doch viele Lerner kämpfen noch mit der Verarbeitung traumatischer Fluchterlebnisse, sorgen sich um im Heimatland verbliebene Familienmitglieder und können mit dem schnellen Lerntempo nicht mithalten.

„Was hast du gestern gemacht, Omar?“

Meine Frage reißt den 19-jährigen aus seinem morgendlichen Halbschlaf. Die Klasse lacht, Omar richtet sich auf und grinst. Er trägt ein enges T-Shirt, darüber ein Hemd mit Karomuster, und Jeans mit Löchern an den Knien.

„Gestern?“ Ich sehe, wie es in seinem Kopf arbeitet. Er versucht, sich an die neuen Vokabeln zu erinnern. Dann hat er es.

„Schwimmen“, ruft er triumphierend.

„Wo? Im Schwimmbad?“

„Nein, nein“, Omar denkt nach. Rami, der neben ihm sitzt, hilft. „See!“

„Schön! Gestern war es so heiß, gute Idee.“ Ich drehe mich zur Tafel und schreibe „Ich bin gestern im See geschwommen“.

Omar nickt zustimmend. Er erscheint fast jeden Tag zum Unterricht, in Integrationskursen nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit, und möchte unbedingt schnell Deutsch lernen. Um die Reise nach Deutschland zu finanzieren, hat er ein Jahr allein im Irak gearbeitet und seine Familie in Syrien zurückgelassen.

„Nour, was hast du gestern gemacht?“

Nour, eine junge, selbstbewusste Frau, heute mit Kopftuch in den Farben des Regenbogens, überlegt kurz.

„Meine Tochter abholen“, sagt sie dann.

„Sehr gut. Und wo?“

„Kita“.

Ich schreibe: „Ich habe gestern meine Tochter von der Kita abgeholt.“ Die Hilfsverben in den zwei Sätzen, haben und sein, unterstreiche ich rot und drehe mich wieder zur Klasse. „Warum?“

18 Augenpaare starren mich ratlos an.

„Warum bin geschwommen?“ fragt Kamil, berechtigterweise.

„Genau, warum bin geschwommen?“ stimme ich ihm zu und ermuntere meine SchülerInnen mit einem Kopfnicken.

Komplexe Grammatik in kürzester Zeit

Die Vergangenheit mit dem Hilfsverb haben kennt mein Kurs bereits, aber dass Verben der Bewegung das Perfekt mit sein bilden ist neu für sie. Nach den Artikeln, der unregelmäßigen Verbkonjugation und dem Akkusativ ist das Perfekt die nächste große Hürde der deutschen Sprache, mit der ich meine Kursteilnehmer_innen in kürzester Zeit konfrontieren muss. All diese Grammatikthemen werden in den ersten acht Wochen eingeführt und sollen dann beherrscht werden, theoretisch.

Ich schreibe ein A und ein B an die Tafel, und verbinde die Buchstaben mit einem Pfeil. Dann marschiere ich betont langsam von einer Klassenzimmerwand zur anderen.Verständnislose Blicke folgen mir. „Das ist Bewegung von A nach B“, sage ich. „Verben mit Bewegung bilden wir mit sein. Zum Beispiel gehen, kommen, schwimmen. Was noch?“

„Spazieren gehen!“

„Ja.“

„Auto fahren!“

„Sehr gut.“

„Tanzen!“

„Hm… Nein.“

Wieder blicke ich in verwirrte Gesichter. Wenn Tanzen nicht Bewegung ist, was dann? Zur Demonstration vollführe ich ein paar Tanzschritte auf der Stelle, was sofort Gelächter auslöst. „Tanzen ist Bewegung, aber nicht von A nach B.“

„Ahhh….“ macht die Klasse. Die konzentrierte Spannung löst sich. Ich gebe dem Kurs eine erste einfache Übung. Während die anderen arbeiten, setze ich mich zu Arjun, der resigniert den Kopf schüttelt.

Die Verwirrung bleibt

Arjun, 36, lebt bereits seit zehn Jahren in Deutschland und arbeitet als Koch in einem indischen Restaurant. Sein gebrochenes Deutsch hat er sich dort angeeignet. Er beherrscht die Fachausdrücke, die er fürs Kochen benötigt, kennt alle Gewürze und Kräuter beim Namen. Für seinen Job braucht er nicht mehr, dennoch muss er den Integrationskurs absolvieren. Deshalb arbeitet er bis spät in die Nacht und erscheint morgens übermüdet, aber immer pünktlich um neun zum Unterricht.

„Nicht verstehen“, sagt er jetzt und schüttelt wieder heftig den Kopf. Schritt für Schritt arbeiten wir die einzelnen Übungen gemeinsam ab, doch seine Verwirrung bleibt.

Ein normaler Integrationskurs umfasst 660 Stunden und dauert etwa sechs bis sieben Monate. Das ist nicht viel, um in einer völlig fremden Sprache das Sprachniveau B1 zu erreichen (wie ich aus eigener Erfahrung weiß). Laut Europäischem Referenzrahmen müssen Lerner mit dem Niveau B1 „über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Absichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben“ können. Ich frage mich, wie viele Deutsche innerhalb eines halben Jahres lernen würden, sich über ihre Träume, Hoffnungen und Ziele auf Arabisch zu unterhalten.

Integrationskurse für schnelle Lerner konzipiert

Allgemeine Integrationskurse sind für schnelle, geübte Lerner mit guter Schulbildung konzipiert. Meiner Erfahrung nach ist das Lerntempo selbst für Akademiker_innen eine Herausforderung. Aber in meinem Kurs sitzen auch Tarek, der in der Türkei als Busfahrer gearbeitet hat und nur wenige Jahre zur Schule gegangen ist, Aida, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern aus Syrien und eben Arjun, der Koch, der mir Rezepte der köstlichsten indischen Gerichte auf Deutsch erklären kann, aber regelmäßig an der Grammatik verzweifelt. Binnendifferenzierung ist angesichts einer solchen Heterogenität nur sehr bedingt möglich, etwa die Hälfte der Kursteilnehmer_innen hat so kaum eine Chance.

Die Klasse ist erschöpft. Ich hole meinen Ball aus der Tasche und erschrecke Hasim, der unerwartet fangen muss. Das hat den erhofften Effekt, alle sind hellwach.

„Was hast du gestern gemacht, Hasim?“

„Auto fahren.“

„Ja, aber gestern? Ich bin….“

„Ich bin Auto gefahren.“

„Du nicht Auto haben“ wirft Zain ein und hat die Lacher auf seiner Seite.

„Hier nein, aber zu Hause ja“ verteidigt Hasim sich.

Kamil wird ernst. „Das so für alle“, sagt er. „Zu Hause alles, Haus, Auto, Familie, Arbeit, alles. Hier nichts. Jetzt alles weg. Und nicht sprechen Deutsch, keine Arbeit, kein Geld. Was machen?“

Fremdheit in der neuen Heimat

Ich höre zu und nicke. Immer wieder kommen diese Themen auf, meine syrischen Schüler_innen erzählen mir von ihrer Hoffnungslosigkeit, davon, wie zerstört ihr Heimatland ist, wie sie flüchten und Familienangehörige verlassen mussten, die sie nicht mehr nachholen können, weil Syrern seit kurzem meist nur noch subsidärer Schutz gewährt wird. Und wie fremd sie sich jetzt in einem Land fühlen, dessen Sprache sie nicht sprechen und dessen Kultur sie nicht verstehen. Es ist erstaunlich, wie viel man mit ein paar Brocken Deutsch und Händen und Füßen vermitteln kann. Gefühle sind universell, jeder der will, kann verstehen oder zumindest erahnen, was der Verlust und die traumatischen Erlebnisse bei den Geflüchteten verursacht haben. Die Tragik vieler Schicksale ist oft kaum zu ertragen und lässt uns irgendwann verstummen.

Und dann kehren wir zum Unterricht zurück und tun so, als wäre es wichtig, ob das Perfekt von fahren mit haben oder sein gebildet wird. Weil die Kursteilnehmer_innen ja Deutsch lernen müssen. Und weil es manchmal besser ist, an der deutschen Grammatik zu verzweifeln als am Leben selbst.