Im Juni feiern die Lissabonner ihren Schutzpatron Santo António. Improvisierte Straßenrestaurants verkaufen bis tief in die Nacht Bier, Wein und gegrillte Sardinen.

Um sechs Uhr abends scheint die Sonne noch heiß auf die verwinkelten Gassen und Treppchen Alfamas, dem ältesten, von den Mauren errichteten Stadtteil Lissabons. An den Balkonen und quer über die Straßen gespannt hängen kitschig-bunte und goldglitzernde Girlanden, Lampions und Fähnchen. Auf beiden Seiten der ohnehin schon engen Straßen haben Restaurantbesitzer und Privatpersonen improvisierte Stände aufgebaut und in jede freie Nische Tische und Stühle gezwängt. Sie zapfen im Rekordtempo Bier und wenden Sardinen und Schweinefleisch auf großen Holzkohlegrills, die sie in Brötchen gedrückt für ein paar Euro verkaufen. Es riecht nach Basilikum, der überall in Töpfen mit einer Papiernelke verziert auf den Tischen steht, nach Rauch und Gegrilltem. Eine alte Frau mit Schürze sitzt in ihrem Hauseingang, auf einem wackeligen Tisch vor ihr steht eine Flasche Ginjinha, portugiesischer Sauerkirschlikör, für 1,50 Euro das Glas. Sie lächelt uns an und ruft uns zu „Meiner schmeckt am besten!“

Bier und Sardinen zu Ehren des Schutzpatrons von Lissabon

Ganz Lissabon, so scheint es, strömt an diesem heißen Juniabend die Straßen hinauf nach Alfama. Nur die kleinen mit Blumen und Girlanden geschmückten Altare zwischen den Bierständen verraten den Grund für das Volksfest: Die Lisboetas feiern ihren Lieblingsschutzpatron, Santo António, der in Alfama geboren und in der Kathedrale Sé Patriarcal getauft wurde. Der 13. Juni, sein Todestag, ist in Lissabon offizieller Feiertag und Grund genug, den ganzen Monat lang Straßenfeste in den historischen Stadtvierteln Alfama, Mouraria, Castelo, Graça, Ajuda, Bairro Alto, Bica und Santos zu veranstalten. Zu Ehren Santo Antónios, der auch als Ehestifter gilt, spendiert Lissabon außerdem seit 1997 – ungeachtet der Wirtschaftskrise – 16 mittellosen Paaren die Hochzeit.

Ein Mann grillt Sardinen in den engen Straßen der Alfama in Lissabon

Auch in Feierlaune: Ein Mann mit “Sardinen-Mütze” am Grill. Foto: Jonathan Date

Die Stimmung in Alfama ist ausgelassen, Portugiesen mit Bier in der Hand begrüßen Freunde, Bekannte und Fremde auf der Straße. Aus den Boxen dröhnen beliebte Volkslieder, die Refrains von „Cheira bem, cheira a Lisboa“ und „Baile de Verão“ singt die versammelte Menschenmasse begeistert mit. Wir lassen uns treiben, trinken hier ein Bier, stärken uns zwei Ecken weiter mit indischen Samosas und portugiesischen Pastéis de Bacalhau. Gegen neun Uhr abends werden die Straßen Alfamas immer voller, der Rauch vernebelt die Sicht, fast alle Tische der provisorischen Straßenrestaurants sind jetzt besetzt. Daneben warten portugiesische Großfamilien geduldig, bis ein Platz frei wird.

Portugiesische Folklore und brasilianischer Hiphop

Wir machen uns auf den Weg zur Avenida da Liberdade, wo in der Nacht zum 13. Juni der Höhepunkt der Feierlichkeiten stattfinden soll, die Marchas Populares, ein karnevalsähnlicher Umzug, der sich stundenlang hinziehen kann. Als wir ankommen, ist die Avenida bereits abgesperrt, hinter den Gittern drängen sich die Zuschauer mit gezückten Handykameras und Popcorn in der Hand. Schließlich hören wir von weitem Musik, Frauen und Männer in aufwendigen, königlich anmutenden Kostümen kommen auf uns zu, singen und tanzen eine einstudierte Choreographie vor einer Jury, und marschieren von dannen. Neben uns grölt ein Mann und beschwert sich, die Musik sei zu leise. Jeder Stadtteil Lissabons führt eine einstudierte Choreographie vor, die Akteure trainieren monatelang für ihren großen Auftritt. Am Ende wird ein Sieger gewählt. Dieses Jahr gewinnt der traditionsreiche Stadtteil Alfama, der Geburtsort Santo Antónios, doch das erfahren wir erst am nächsten Morgen.

Wir ziehen weiter durch die Baixa, am Cais do Sodré vorbei und in den Stadtteil Bica. Hier feiern die jungen Lissabonner und Touristen Santo António anders, statt portugiesischer Volkslieder dröhnt brasilianischer Hiphop durch die Nacht. Ein Mittelpunkt des Nachtlebens ist die Rua da Bica de Duarte Belo, die, von Bars gesäumt, vom Cais do Sodré steil nach oben Richtung Bairro Alto führt. Heute Nacht ist die Straße überfüllt, Feierwütige drängen sich dicht an dicht den Hügel hinauf. Einmal im Getümmel kann man sich nur noch der Bewegung der Menge anpassen. Wir lassen uns hinaufschieben, Bier aus Plastikbechern schwappt auf unsere Schuhe und Kleidung, in den Seitenstraßen tanzen Leute zu DJ-Liveacts. Schließlich zwängen wir uns durch eine Seitenstraße zum Miradouro de Santa Catarina und können wieder frei atmen.

Feierwütige tanzen in den Straßen des Ausgehviertels Bica beim Santo António in Lissabon.

Bier und brasilianische Rhythmen: Die Straßen des Ausgehviertels Bica nachts um eins. Foto: Jonathan Date

Inzwischen ist es ein Uhr nachts, wir wandern einen Hügel hinab Richtung Santos. Hier geht es ruhiger zu, portugiesische Familien sitzen an langen Tischen mitten auf der Straße beim letzten Glas Wein, vor ihnen türmen sich die Reste eines Festmahls: Fischgräten, Knochen, Brotreste, schmutzige Teller, Gläser und Besteck. In die aufgestellten Müllsäcke passt nichts mehr rein, Plastikbecher häufen sich auf dem Boden. Die Müllabfuhr wird morgen viel zu tun haben, aber daran denkt hier im Moment keiner. Lissabon ist wie im Rausch, eine euphorische, vom Rauch vernebelte, biertrunkene Stadt.

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