Die tausendjährige Geschichte Lissabons ist bewegt. Kriege, Königsmorde, Kolonialherrschaft und das verheerende Erdbeben von 1755 haben ihre Spuren hinterlassen. Drei Orte, an denen Historisches passiert ist.

Belém – Wo der portugiesische Kolonialismus begann

Der etwas außerhalb im Westen Lissabons liegende Stadtteil wurde von dem großen Erdbeben 1755 weitgehend verschont, viele historische Bauwerke wie das Mosteiro dos Jerónimos (Hieronymitenkloster) und der Torre de Belém (Turm von Belém) stehen deshalb noch an Ort und Stelle. Portugiesen und Touristen schätzen Belém vor allem wegen dieser Sehenswürdigkeiten, der Ruhe und den berühmten „Pastéis de Belém“, den portugiesischen Blätterteigtörtchen.

Vor einigen Jahrhunderten hatte Belém jedoch eine ganz andere Bedeutung, von der das “Denkmal der Entdecker und Seefahrer” (Padrão dos Descobrimentos) heute noch erzählt. Das wuchtige Monument zeigt portugiesische Persönlichkeiten aus dem Zeitalter der Entdeckungen, darunter Heinrich der Seefahrer, ein wichtiger Auftraggeber der ersten Seefahrten, Pedro Álvares Cabral, der nach Brasilien segelte und Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien fand.

Von dem alten Hafen Restelo in Belém stachen viele der bekannten portugiesischen Entdecker in See, um sich in bis dato unbekannte Gewässer und Länder zu wagen – und um die dort lebenden Völker zu unterwerfen und sich strategisch wichtige Handelsposten zu sichern. Auf seinem Höhepunkt umfasste das portugiesische Kolonialreich mit Brasilien, Angola, Mosambik, Indien und Macau in China Gebiete auf fast allen Kontinenten. Doch das portugiesische Weltreich währte nur kurz, schon im 17. Jahrhundert zogen die Briten, Franzosen und Niederländer nach und eroberten viele der portugiesischen Kolonien in Asien. Dennoch blieb Portugal länger Kolonialmacht als jedes andere Land in Europa, weil der Diktator Salazar vor allem aus wirtschaftlichen und Prestigegründen an den Kolonien festhielt. Erst nach dem Sturz der Diktatur 1974 konnten sich die noch bestehenden Kolonien in Afrika endlich von der Fremdherrschaft befreien.

Praça do Comércio – Erdbeben und Königsmord

Der Praça do Comércio („Handelsplatz“) hieß früher Terreiro do Paço, was so viel bedeutet wie Palastgelände. Bis 1755 stand hier das königliche Uferschloss direkt am Tejo. Doch am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben mit einer geschätzten Stärke von 8,5 bis 9 auf der Richterskala große Teile der portugiesischen Hauptstadt. Die vor einstürzenden Bauten fliehenden Bewohner sollen sich auf den Terreiro do Paço geflüchtet haben, wo eine Tsunamiwelle sie verschlang. Der König José I befand sich zum Zeitpunkt des Erdbebens in Belém und dachte nicht daran, sein Schloss wieder am gleichen Ort aufzubauen. Er soll aus Angst bis ans Ende seines Lebens in luxuriösen Zelten gelebt haben.

 

Demonstranten marschieren über die Praça do Comércio und durch den Arco da Rua Augusta

Heute finden auf der Praça do Comércio häufig Demonstrationen und Veranstaltungen statt. Foto: Jonathan Date

Sein Premierminister, der Marquis von Pombal, machte sich nach dem Erdbeben an den Wiederaufbau der Stadt. Die Praça do Comércio erhielt eine rechteckige Form, durch eine Art Triumphbogen, den Arco da Rua Augusta, betritt man heute die nach dem Beben schachbrettartig wiederaufgebaute Baixa, die Unterstadt.

So viel Glück wie José I hatte ein späterer portugiesischer König auf der Praça do Comércio nicht. Dom Carlos, der vorletzte Monarch Portugals, erlag hier einem Attentat, als er von einem Jagdurlaub an der Algarve zurückkehrte. Der dramatische Tathergang: Am Cais do Sodré besteigt der König mit seiner Familie für den letzten Teil des Weges eine offene Kutsche. Als die Familie die Praça do Comércio überquert, fallen Schüsse. Carlos stirbt sofort, sein ältester Sohn und Thronfolger Luís Filipe erliegt seinen Verletzungen wenig später. Auch die beiden Attentäter werden noch vor Ort von der Polizei erschossen: zwei republikanische Aktivisten.

Warum Carlos I sich damals entschied, in einer offenen Kutsche über den zentralen Platz zu fahren, ist bis heute ungeklärt. Denn die Königsfamilie, die trotz des Staatsbankrotts und politischer Krisen ihren dekadenten Lebensstil pflegte, war zu diesem Zeitpunkt alles andere als beliebt.

Nach dem Attentat bestieg Prinz Manuel II den Thron. Doch auch seine Regierungszeit währte nur kurz. Am 5. Oktober 1910 siegten die Republikaner und Manuel musste ins Exil nach England fliehen.

Praça Luís de Camões – Verteidigungsmauer gegen Spanien

Die Praça Luís de Camões verbindet das Bairro Alto, bekannt für seine zahlreichen Bars, mit dem Künstlerviertel Chiado, das heute vor allem ein elegantes Einkaufsviertel ist. Vor einigen hundert Jahren lag der zentrale Platz jedoch außerhalb der Stadtmauern Lissabons. Wo heute Touristen Kaffee trinken, Fremdenführer auf Kunden warten und Lissabonner sich genervt durch die Menschenmassen drängen, erstreckten sich Anfang des 14. Jahrhunderts grüne Hügel mit Windmühlen und Olivenbäumen bis hinunter an den Tejo.

Die Stadtmauer verlief in etwa dort, wo heute die Rua do Alecrim und die Rua da Misericórdia vom Tejo kommend nach Norden führen. König Fernando I ließ die nach ihm benannte Fernandina-Mauer in aller Eile errichten, um einen drohenden Angriff der Spanier abzuwehren. Seine Tochter Beatrix hatte König João I von Spanien geheiratet, der, wie vorauszusehen war, Ansprüche auf den portugiesischen Thron erhob. Dieses Mal konnten die Portugiesen die Spanier schlagen und ihre Unabhängigkeit verteidigen. Zwei Jahrhunderte später mussten sie sich den spanischen Machtansprüchen dagegen fügen: Zwischen 1580 und 1640 regierten spanische Herrscher 60 Jahre lang das kleine Nachbarland.

1755 fiel die Verteidigungsmauer wie so viele andere Bauten dem Erdbeben zum Opfer. Zu diesem Zeitpunkt platzte Lissabon jedoch sowieso schon aus allen Nähten, die Stadtmauer war längst überflüssig geworden.