In vielen kleinen Dörfern und Ortschaften feiern die Portugiesen Karneval: ein Mix aus portugiesischer Feierkultur und brasilianischen Einflüssen.

Als wir morgens um 11 aus dem Bus steigen, ist es wolkenverhangen und kühl in Sesimbra. Wir laufen eine gerade Straße hinunter ans Meer, die meisten Geschäfte haben geschlossen. Auf dem Weg kommt uns ein Junge im Batman-Kostüm entgegen, wir treffen auf eine Walt Disney-Prinzessin in rosa und eine japanische Geisha.

Es ist Sonntag, der 26. Februar und Karneval. Aber die meisten Portugiesen machen sich nichts aus dem Fest der Narren, wie mir meine Schüler erklärten. Der Karneval sei eher brasilianisch, nicht portugiesisch.

Eine Gelegenheit zum Feiern

Gefeiert wird der Karneval in vielen Kleinstädten und Dörfern wie Torres Vedras, Nazaré oder Sesimbra aber doch, denn Portugiesen lassen selten eine Gelegenheit zum Feiern aus. Sesimbra liegt am Atlantischen Ozean, etwa 40 Kilometer von Lissabon entfernt, und hat knapp 50.000 Einwohner. Den schmalen Sandstrand überragen riesige, weiße Hotelkomplexe, im Sommer ist Sesimbra ein beliebter Ferienort. Portugiesische und internationale Touristen verbringen hier ihren Kurzurlaub oder kommen für einen Tag aus Lissabon angereist, um frischen Fisch und Meeresfrüchte zu essen.

Ein Junge wirft Konfetti beim Karneval von Sesimbra

Der Karneval in Sesimbra ist vor allem ein Event für Kinder. Foto: Jonathan Date

An der Strandpromenade trinken wir als erstes einen Galão, einen portugiesischen Milchkaffee. Neben uns sitzt ein Mädchen mit blauer Perücke und Marienkäferkostüm, eine Gruppe Jugendlicher trägt sackartige Ganzkörperanzügen, die Bären darstellen sollen, und bunte, überdimensionale Brillen. Aber es ist ruhig in Sesimbra, die Wolken hängen wie schalldämpfende Watte über der Stadt, und die Verkleidungen wirken seltsam surreal an diesem stillen Strand.

Wir entfernen uns vom Strand und verlieren uns auf der Suche nach einem günstigen Restaurant in kleinen Straßen. Vor den Fischrestaurants haben sich Warteschlangen gebildet, es riecht nach frisch gegrillten Sardinen. Familien mit Kindern warten geduldig, bis ein Tisch frei wird, ein paar Männer trinken Bier aus Plastikbechern und unterhalten sich.

Brasilianische Rhythmen im europäischen Winter

Ich denke an meine begrenzten Karnevalserfahrungen in Deutschland. In bin in Berlin geboren und in Hamburg aufgewachsen. Was in Deutschland in der fünften Jahreszeit veranstaltet wird, ist mir deshalb ziemlich fremd. Zweimal hat es mich aber doch nach Düsseldorf verschlagen, wo ich mich, verkleidet als gestiefelter Kater, eingekeilt in einer grölenden, schunkelnden Menge wiederfand, Konfetti im Haar, das Bier in der Hand schwappte über meine Verkleidung. Im Vergleich dazu geht es hier in Portugal sehr gesittet zu.

Als wir nach einer Stärkung zurück an den Strand wandern, ist die Stimmung wie verwandelt. Die ganze Stadt scheint sich an der Strandpromenade versammelt zu haben, Kinder schmeißen mit Konfetti um sich, Männer und Frauen stehen auf niedrigen Mauern, um besser sehen zu können. Brasilianische Rhythmen dröhnen von den Karnevalswagen, die sich langsam die Strandpromenade entlang schieben. Auf und zwischen den Wagen tanzen farbenfroh gekleidete Männer und federgeschmückte Frauen in sehr knappen Glitzer-Outfits. Tatsächlich eher brasilianisch als portugiesisch, mit der Ausnahme, dass es in Portugal im Februar keine 30 Grad sind. Und wahrscheinlich um einiges ruhiger zugeht als in Rio.

Eine Tänzerin in blauem Kostüm tanzt auf einem Karnevalswagen.

Glitzer und knappe Outfits – trotz Februarwetter. Foto: Jonathan Date

Portugiesischer Karneval: familiär und gemütlich

In dem satirischen Internetvideo „America first, Portugal second“ karikieren die Produzenten den portugiesischen Karneval als eine von Brasilien abgeschaute Veranstaltung, bei der eine Gruppe Perverser halbnackte und vom Regen durchnässte Frauen angafft. Das ist natürlich übertrieben. Der Karneval in Sesimbra ist familiär und gemütlich, im Mittelpunkt stehen die vielen Kinder, die mit großen Augen die Parade bestaunen. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Behauptung aber nicht.

Den Enthusiasmus der Tänzerinnen und des Publikums kann weder der Sexismus noch das grau-kühle Februarwetter trüben. Menschen aller Altersgruppen tanzen unbeirrt auf der Straße, ein älteres Paar schwingt gekonnt die Hüften auf einem der Balkone der großen Hotels.

Am früher Abend löst sich die Menschenmenge langsam auf, die Mädchen ziehen weite Pullover über ihre sexy Outfits und machen sich mit Freunden auf zur nächsten Bar. Auf dem Heimweg bleiben wir im Stau stecken, viele Besucher aus Lissabon haben sich zur gleichen Zeit auf den Weg gemacht. Als wir die Ponte do 25 Abril, die Brücke des 25. Aprils, überqueren, geht bereits die Sonne unter.