Zwischen zwei Hauptattraktionen gelegen konnte sich Almoçageme lange Zeit seine Abgeschiedenheit bewahren. Doch jetzt kommen immer mehr Touristen.

Almoçageme liegt eine knappe Autostunde von Lissabon entfernt zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen im Parque-Natural de Sintra-Cascais. Serpentinkurven führen durch die bewaldete Gebirgsregion, oft passt nur ein Fahrzeug durch die engen Straßen. Touristen kommen vor allem hierher, um die spektakuläre Steilküste von Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt Kontinentaleuropas, und die Paläste von Sintra zu sehen. Almoçageme liegt auf dem Weg, die meisten steigen hier aber nicht aus.

Wohl deshalb konnte sich Almoçageme bisher eine gewisse Ruhe und Abgeschiedenheit bewahren. Der Dorfplatz liegt nachmittags leer und verwaist im Halbschatten, Herbstblätter bedecken das Kopfsteinpflaster. Gegenüber der rosa gestrichenen Gebäude der Feuerwehr gibt es einen Mini Mercado und ein Café, in dem zwei alte Männer gemächlich Galão (Milchkaffee) und Cerveja (Bier) servieren. Es wirkt, als wären sie schon ewig hier.

Almoçageme: Spirituelles Zentrum für Hippies und Aussteiger

Wer aber den kleinen Lebensmittelladen betritt, ahnt bereits, das sich hier in den letzten Jahrzehnten viel verändert hat: Neben den typisch portugiesischen Produkten wie Weißbrot, Dosensardinen und frischem Gemüse aus der Region gibt es glutenfreie Buchweizennudeln, Bio-Vollkorncouscous, indische Currypasten und Reismilch. Flyer an der Tür weisen auf Massage- und Yogaangebote hin. Und in der Estrada do Rodízio, ein paar Gehminuten entfernt, befindet sich das Centro Tinkuy, eine Art Begegnungsstätte mit Meditation, Yoga und veganer Bio-Küche.

Die New Age-Bewegung hat Almoçageme schon vor langer Zeit als spirituellen Ort entdeckt, seitdem zieht das kleine Dorf Aussteiger, Hippies und Freigeister an. Sie finden hier Abgeschiedenheit, ein einfaches Leben und Natur, Dinge, die moderne Städte schon lange nicht mehr bieten können. Eine junge Engländerin erzählte mir vor zwei Jahren, wie sie mit ihrem Freund nach Almoçageme kam, um hier ein neues Leben aufzubauen. Sie wollten naturnah leben, auf einer der vielen brachliegenden Flächen eine Jurte bauen und sich selbst versorgen. Ihr Freund hatte damals bereits aufgegeben, sie war entschlossen, allein weiterzumachen.

Alter Mann lehnt an Mauer in Almoçageme

Alter Mann in Almoçageme: Sein Dorf wird sich bald verändern. Foto: Jonathan Date

Fluch und Segen

Inzwischen kommen nicht mehr nur diejenigen, die einen alternativen Lebensstil suchen. Im Mini Mercado beschwert sich eine ältere Frau mit langem Rock und grauen Haaren gegenüber der Kassiererin. „Früher war das hier ein spiritueller Ort. Jetzt kommen die Touristen und machen alles kaputt.“

Tatsächlich könnte der Tourismus, wie in Lissabon und in anderen Orten Portugals auch, noch viel mehr ändern. Das befürchten auch Beatriz* und Tomás*, die uns für unseren Aufenthalt ein Zimmer in ihrer kleinen Wohnung vermietet haben. Beatriz ist selbstständig und lehrt nach der Feldenkrais-Methode, Tomás ist Musiker in einer Band. Die beiden sind vor einigen Jahren hierher gezogen, weil sie das ruhige, naturnahe Leben in Almoçageme schätzen. Lange Fahrtwege mit dem Auto nach Lissabon nehmen sie dafür in Kauf. Sie beobachten, dass immer mehr Besucher in das kleine Dorf kommen. Eine Chance für alle, die investieren können: Die vielen leerstehenden Häuser und brachliegenden Flächen könnten als Hotels und Restaurants viel Geld bringen. Almoçageme wäre dann nicht mehr das Dorf, das es einmal war.

In Almoçageme ist es wie in Sintra immer kühler als in Lissabon. Abends steigen plötzlich Nebel auf und verhüllen Mauern, Häuser und Bäume in 100 Meter Entfernung. Wer auf eine kleine Anhöhe steigt, sieht am Horizont den Palácio da Pena, das berühmte Märchenschloss von Sintra. Dass sich die Mauren, und später die portugiesischen Könige und Adligen vor langer Zeit entschieden, ihre prachtvollsten Schlösser und Burgen hier zu errichten, ist sicherlich kein Zufall. Das ist der Fluch schöner und geheimnisvoller Orte –  und für einige vielleicht zugleich der Segen: Viele werden kommen wollen.

*Namen geändert