In den Lissabonner Bürgerämtern wartet man, wenn man Pech hat, den ganzen Tag. Da hilft nur eins: Den deutschen Effizienzgedanken über Bord werfen und eine Haltung portugiesischer Gelassenheit einnehmen.

Die Loja do Cidadão de Marvila in Lissabon, in etwa das Äquivalent zum deutschen Bürgeramt, öffnet morgens um 9 Uhr. Wir haben unseren Wecker auf sieben Uhr gestellt, wir wollten möglichst pünktlich kommen, um die Wartezeit zu verkürzen. Aber als wir gegen 8:45 eintreffen, fasst mein Freund mich plötzlich beim Arm und wir bleiben ungläubig stehen: Vor dem Amt steht eine Menschenschlange, deren Ende wir nicht einmal sehen können.

Die Sozialversicherungsnummer beim Loja do Cidadão zu beantragen ist die letzte Etappe des bürokratischen Hürdenlaufs für Neuankömmlinge in Lissabon. Wir waren bereits viele Male beim Serviço de Finanças (Finanzamt), um eine Steuernummer zu erhalten und eine selbstständige Tätigkeit anzumelden, bei der Câmara Municipal (Rathaus), um eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen und beim Centro de Saúde (Gesundheitszentrum), um Mitglied in der gesetzlichen Krankenversicherung zu werden. Etliche Behördengänge mit dem dazugehörigen Aufwand, aber eben in den gewohnten Dimensionen: höchstens 40 Minuten Wartezeit und ein relativ gut funktionierendes System basierend auf Wartenummern. Die portugiesischen Bürgerämter dagegen sind eine Herausforderung an Geduld und Durchhaltevermögen.

Wartenummer 108

Die Türen der Loja do Cidadão öffnen pünktlich um neun und die Menschen treten zügig, aber geordnet ein, um eine Wartenummer zu ziehen. Als wir schließlich an der Reihe sind, spuckt der Automat ratternd ein Zettelchen mit der Nummer 108 aus. Wir würden nicht vor ein Uhr mittags drankommen, erklärt uns ein freundlicher Sicherheitsbeamter, der meinen schockierten Gesichtsausdruck bemerkt.

„Unmöglich, das kann doch nicht sein…“, will meine deutsche Seite aufbegehren, aber ich erinnere mich noch rechtzeitig daran, dass ich in Portugal bin. Hier beschwert man sich nicht so einfach in der Öffentlichkeit, vor allem, wenn Auflehnen sowieso zwecklos ist. Ich blicke mich um. Die anderen Kunden des Bürgeramts finden die extrem langen Wartezeiten anscheinend ziemlich normal. Mit stoischem Gesichtsausdruck nehmen sie die immer höheren Nummern in Empfang und machen gelassen kehrt, um ihren Besorgungen nachzugehen. Wir entscheiden uns für die portugiesische Variante, atmen tief durch und gehen erst einmal einen Galão (Milchkaffee) trinken.

Etliche Kaffees später

Dass die Lissabonner Bürgerämter notorisch überlaufen sind, ist allgemein bekannt (auch uns, das Ausmaß hatten wir jedoch unterschätzt). Die längsten Wartezeiten soll es im Loja do Cidadão das Laranjeiras geben. Alternativen sind momentan nur die Bürgerämter in Cascais und Marvila, (und in Zukunft das Bürgeramt im Mercado 31 de Janeiro, das 2018 öffnen soll). Auf längere Wartezeiten muss man sich aber offenbar an allen Standorten gefasst machen.

Vier Stunden und etliche Kaffees später kehren wir zurück und wagen einen Blick auf den Screen. Der Bildschirm an der Wand zeigt die Nummer 43 an. Ein anderer freundlicher Sicherheitsbeamter ermutigt uns: noch zwei Stunden etwa. Ein Optimist.

Leider befindet sich das Bürgeramt nicht im Stadtzentrum, sondern in einem wenig attraktiven Einkaufszentrum in der Gemeinde Marvila nördlich von Lissabon. Hier stehen Hochhäuser an einer breiten, vielbefahrenen Straße, kaum Jemand ist zu Fuß unterwegs. Mangels Alternativen bleiben wir im Einkaufszentrum und durchstreifen ziellos die Gänge des überdimensional großen Supermarkts, der direkt neben dem Bürgeramt liegt. Wir begutachten die Küchenutensilien, kaufen fürs Abendessen ein, essen im supermarkteigenen Imbiss zu Mittag. Auch hier hängt ein Screen, der die Wartenummern anzeigt, offenbar enden viele Leidensgenossen wie wir schlussendlich im Imbiss. Inzwischen hat sich Lethargie ausgebreitet: Ein Großteil der Restaurantgäste sitzt wie wir mit leerem Blick unter den Neonleuchten des Supermarktes und wagt hin und wieder einen Blick auf die quälend langsam ansteigenden Ziffern.

Erzwungenes Nichtstun

Um 15:50 Uhr, wir befinden uns bereits in einer Art Halbschlaf mit geöffneten Augen, leuchtet schließlich die Nummer 108 auf dem Bildschirm auf. Wir springen auf und hasten zurück zum Bürgeramt und zu unserem Sachbearbeiter, der sicher auch schon seit neun hinter seinem Schreibtisch sitzt, aber trotzdem geduldig unserem Anliegen zuhört. Er nimmt unsere Kopien entgegen, übersieht großzügig die nicht mehr aktuelle Adresse auf einem der Dokumente, tippt ein paar Daten ein, und entlässt uns zehn Minuten später mit einem freundlichen Kopfnicken.

Nach fast sieben Stunden Wartezeit treten wir aus dem unwirklich-künstlichen Licht des Einkaufszentrums nach draußen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und vom Tejo weht ein kühler, belebender Wind. Erschöpft lassen wir uns auf eine Bank fallen. Warten, also Nichtstun, ist erstaunlich anstrengend, wenn man dazu gezwungen wird.

Foto: Warten an einer Bushaltestelle in Lissabon / Jonathan Date